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Dieter Hoof

Die Engel-Vorstellung vom Kinde

La construction de l'enfant-ange. The image of an angel in a child
La imagen constructiva del niño-ángel

 


Die fröhlichen Engelkinder
Eine Grußkarte, die Frau Käthe aus Regensburg im Jahre 1927 an ihren lieben Michael schickte, der in Passau im Sanatorium weilte.

 

I n h a l t s v e r z e i c h n i s

  1. Der Gesamtzusammenhang des Kindheitsverständnisses
  2. Die kindliche Engelhaftigkeit
  3. Von der Renaissance bis ins zwanzigste Jahrhundert
  4. Wie die Engel im Allgemeinen und die Kinderengel im Besonderen ein Teil
    unseres Lebens sind
  5. Dienste und Rollen der Engel, wie sie allgemein geläufig sind. Eine ergänzende
    Bildreihe zur Belebung der Vorstellung
  6. Zu guter Letzt: Cherubim, die sanften Himmelswesen
  7. Erkenntnisgewinn
  8. Ausgewählte Literatur

 

Vorwort

Die Engel, von denen diese Studie handelt, sind jedem geläufig, Frauen und Männern, Kindern und alten Menschen, jedem, der irgendwo in der Gesellschaft seinen Platz hat.

Engel kommen in den großen Epochen der Kunst vor ebenso wie in unserer Alltagskommunikation. Die italienischen Künstler der Renaissance und die Nachfolgenden haben sich ausgiebig mit ihnen befasst. Von den Ansichtskartenmalern des 19. und 20. Jahrhunderts und den Schöpfern der Bilder auf den Alltagspreziosen wurden die Engel weit verbreitet. Theologen, Kunsthistoriker, fromme Prediger und Geschichtenerzählerinnen haben über Engel geschrieben. Mütter und Kinder singen Lieder, in denen die Engel vorkommen.

Die Engel gehören zu unserer Vorstellungswelt. Wir denken kaum noch hintergründig über sie nach. Am wenigsten machen wir uns bewusst, dass Engel in grosser Zahl auch als Kinder vorkommen, und dass Kinder oftmals mit Engeln verbunden werden. Wir leben mit diesen Vorstellungen. Sie sind Bestandteile unseres Lebenshorizontes.

In dieser Studie soll die Engelvorstellung vom Kinde bewusst gemacht werden - als ein wichtiger Teilaspekt unseres Kindheitsverständnisses.

Wenn Sie Jemandem eine kleine Freude bereiten wollen:

Die Buchausgabe dieses Beitrages von Dieter Hoof ist erschienen unter dem Titel "Die Engelvorstellung vom Kinde" imVerlag Dr. Dieter Winkler, Bochum, 2005. 43 S., 22 Abbildungen in Farbe. ISBN 3-8911-043-9, Preis 16,00 €

 

1. Der Gesamtzusammenhang des Kindheitsverständnisses

Über das Wesen der Kindheit haben wir meist bestimmte Vorstellungen. Diese sind - anthropologisch und psychologisch betrachtet - eine Spiegelung oder Projektion des Bewusstseins, das wir überhaupt vom menschlichen Wesen, konkreter: von uns selbst haben. Wenn man den verschiedenen Vorstellungen (auch: Bewusstseinsinhalten) von Kindheit in sozialer wie historischer Hinsicht nachgeht, kommt man zu einem Gesamtzusammenhang des Kindheitsverständnisses.

In meiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Geschichte der Erziehung im Rahmen des Studiums für angehende Lehrer und Sozialpädagogen bin ich allenthalben auf geistige Grundlagen unseres Kindheitsverständnisses gestoßen, die in Jahrhunderten unserer kulturellen Entwicklung entstanden sind. Diese Grundlagen stellen Voraussetzungen des erzieherischen Handelns dar, welche nicht immer voll bewusst sind, und sie wirken sozusagen aus einem stillen Bereich unserer Mentalität heraus. Erwachsene, Eltern wie professionelle Erzieher, haben die in der Geschichte wurzelnden Vorstellungen über kindliches Wesen und über Erziehung zu einem großen Teil schon während ihrer eigenen Sozialisation als Kinder erworben. Das bedeutet aber nicht, dass die erworbenen Vorstellungen bei allen Menschen einheitlich sind und von allen akzeptiert werden. Dennoch gibt es, auch in einer pluralistisch weiterentwickelten Gesellschaft, Vorstellungen oder Bewusstseinsinhalte, denen eine mehr oder minder weitreichende Zustimmung eignet.

Der Gegenstand dieser Studie, die Engel-Vorstellung vom Kinde, wird im Gesamtzusammenhang des Kindheitsverständnisses in unserem Kulturkreis verstanden. Engel im Allgemeinen und Kinderengel im Besonderen sind in unserem Leben so maßlos selbstverständlich, und die Vorstellung darüber haben die meisten von uns seit der Kindheit so gründlich internalisiert, dass wir kaum noch darauf verfallen, auf der Meta-Ebene darüber zu diskurieren, schon gar nicht unter einem pädagogischen Aspekt. Indessen stellt die Engel-Vorstellung einen differenzierten religiösen, kunsthistorisch-ikonographischen und kulturanthropologischen Sachverhalt dar, dem auch eine erhebliche erziehungsgeschichtliche Bedeutung zukommt.

Vergegenwärtigen wir uns zunächst den Gesamtzusammenhang des KIndheitsverständnisses. Sozusagen ein Grundbewusstsein, das Eltern über ihre Kinder haben, ist auf deren Wohlbefinden gerichtet, auf gute Ernährung und gesunde körperliche wie geistige Entwicklung, vorausgesetzt, die ökonomischen und sozialen Umstände sind nicht so bedrückend, dass die elterliche Fürsorge teilweise oder sogar im ganzen retardiert ist. Solange eine Bestimmung "kindliches Wohlbefinden" noch begrifflich so allgemein gefasst ist, kommt ihr eine quasi globale Bedeutung zu. Denn alle Menschen vermögen sich daran zu orientieren. Bei einer Spezifizierung dessen, was gesunde körperliche und geistige Entwicklung beinhaltet, kommen wir jedoch zu erheblichen Unterschieden, in historischer wie in vergleichend-kultureller Hinsicht. Um nur einen Bewusstseinskomplex zu nennen: In manchen kulturellen und sozialen Umfeldern ist den Mädchen Sport und körperliche Freiheit, etwa in der Kleidung, sowie selbständiges Auftreten im öffentlichen Bereich verwehrt.

In unserem Bewusstsein jedoch sind fröhliche Bewegungsformen und sportliche Betätigung für Mädchen und Jungen wichtige Faktoren ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung. Kinder spielen gerne mit dem Ball und finden ebenso ihre Freude an rhythmischen und tänzerischen Ausdrucksformen, worin zugleich ein Moment sozialen Miteinanders zum Ausdruck kommt.

Eine wichtiges, auch früher schon starkes Bewusstsein in unserem Kulturkreis sodann ist darauf gerichtet, dass Kinder, die ja in der Vorbereitung auf ihr späteres Leben in Beruf, Familie und sozialem Verband stehen, gehörig zu lernen haben, "damit aus ihnen etwas wird". Angesichts der jüngst veröffentlichten PISA-Studie (the OECD Programme for International Student Assessment) über die Lern-Defizite der Schülerinnen und Schüler an unseren Schulen ist dieses Bewusstsein heutzutage sogar unerwartet stark geworden und hat Sorgen über unserer Kinder Zukunft wie auch über die gesellschaftliche Fortentwicklung hervorgerufen. Wir wissen aber aus vielen Untersuchungen, wenn nicht schon aus allgemeinen lebenspraktischen Erfahrungen, dass der Mensch in jungen Jahren gerne lernt und Freude an der geistigen Anstrengung hat, vorausgesetzt, Schule und Eltern verderben nicht durch zwanghafte Strenge die Lust am Lernen. Kinder benötigen angemessene Lernanregungen. Sie können sich auf eine unkomplizierte Weise daran freuen, in die Schule zu gehen und sich auch sonst von Erwachsenen etwas beibringen zu lassen. Lernen ist ein wesentlicher Teil kindlichen Lebens und kann sehr zur kindlichen Lebensfreude beitragen. Es ist gut, dass wir ein solches Bewusstsein haben.

Kindliches Lernen findet in unserem Verständnis seine notwendige Ergänzung durch ausreichende Freiräume zum Spielen, nicht nur im Kleinkind- und Vorschulalter, sondern während der gesamten Entwicklungszeit. Das kindliche Spielen kann ungemein vielseitig sein und mit allen verschiedenen Bereichen im Kindesleben in einer Beziehung stehen.

Über die angedeuteten, als lebensnotwendig verstehbaren Bewusstseinsinhalte hinaus lassen wir uns auch von weiteren, mehr hintergründigen Vorstellungen über Kinder und ihren Platz in der Welt leiten. Wenn wir offen für kindliche Lebensart sind, können wir allenthalten erkennen, dass Kinder eine Neigung zu geheimnisvollen und skurrilen Dingen, zu Zaubergeschichten, Märchen und Sagen haben. Kinder geben sich gerne der Vorstellung des Unheimlichen, Gruseligen hin, oder sie spielen mit solchen Gedanken. Ebenso bewegen sich Kinder auch mit besonderer Liebe in einer Welt wunderbarer Geschehnisse, die jenseits der Erdenschwere des realen Lebens passieren. Das gute Kind im Märchen von Frau Holle springt in den Brunnen und findet sich auf der himmlischen Wiese wieder. Nicht umsonst sind Geschichten wie die über Harry Potter so erfolgreich, auch wenn sie, wie heutzutage üblich, durch die Medien so nach vorne gebracht werden.

Manchmal stellen wir zu unserem Erstaunen fest, dass Kinder in ernsten Lebensfragen, ja bei philosophischen Problemen unerwartet klare und verblüffend einfache Äußerungen tun können, so als ob sie direkt aus den Tiefen einer geistigen oder religiösen Welt gespeist werden. In geistiger Freiheit aufwachsende Kinder gewinnen - oder besitzen - außerdem eine direkte Fähigkeit, das Geheimnisvolle und Unwirkliche im Alltag zu bewahren und mit einer symbolischen Auffassungsweise zu verschränken. Sie können sich zum Beispiel mit der guten Fee verbinden oder mit der bösen Fee hadern, und sie sind den Zwergen zugetan, die aus dem Innern der Erde das Silber zu Tage fördern. Auch begleiten sie das einsame Kind, das Mutter und Vater verloren hat, in teilnehmender Liebe auf dem Weg zu den tröstenden Engeln, die über den Wolken wohnen.

Engel und Feen, auch Elfen, werden für Kinder zu Trägern zauberhafter, "übersinnlicher" Kräfte. Und uns Erwachsenen ist es im Grunde auch selbstvertändlich, dass Kinder sich mit diesen Geschöpfen in Sphären bewegen können, in denen die Naturgesetze nicht gelten. Übrigens haben die Engel, die Feen und Elfen unterschiedliche Genealogien in unserer Kultur. Während die Engel der christlichen Symbolwelt entstammen, haben Feen und Elfen naturreligiöse Wesenheiten des Volksglaubens zu ihren Vorfahren. Die Text- und Bildmedien unserer Kinderkultur ziehen keine festen Grenzen zwischen christlichen und "heidnischen" Geschöpfen der übersinnlichen Welt, und den Kindern ist es recht. Sie sind mit ihnen allen verbunden.

Dichter und bildende Künstler haben oft dargestellt, wie Kinder vom Ursprung des Lebens her, dem sie wegen ihres Alters in ihrer Empfindungsart noch eng verbunden sind, ein Leuchten in die Welt der Erwachsenen tragen, ja die Erwachsenen selber an die Hand nehmen und mit ihnen über Wolken schreiten. Das können sie um so eher, je mehr ihre Eltern und Bezugspersonen noch in der Lage sind, sich in ihrer hilfreichen und förderlichen Zuwendung zu den Kindern der kindlichen Denk- und Empfindungswelt wieder zu öffnen und mit den Kindern in einen Dialog zu treten. Denn ohne Beistand können Kinder sich nicht entwickeln, und ihre Sprache können sie auch nur von den Erwachsenen lernen.

Wenn Menschen neben der harten Alltagsarbeit Zeit und Kraft zu liebevoller und kontemplativer Zuwendung zu ihren Kindern haben, wird ihnen leicht eine unverstellte Zuneigungs- und Liebesfähigkeit der Kinder deutlich, verbunden mit dem Wesenszug "ursprünglicher Weisheit", den man mit gewisser Berechtigung dem Umkreis des Irrationalen zurechnen kann, sei es in der heiteren oder ernsten Sphäre. Es kann schwere Lebenslagen geben, in denen Kinder, sofern sie nicht in einem zerstörerisch-deprivierten Umfeld aufwachsen mussten, menschliche Kraft offenbaren, die tröstend und heilend auf Erwachsene zurückwirkt, selbst noch im Leid. Kinder sind auf ihre Weise stark.

Es wird öfter gesagt, dass Kinder in früheren Epochen, so etwa in der Rokoko-Epoche, als kleine Erwachsene verstanden wurden. Die galante Kunst - sie repräsentiert nicht die unteren sozialen Schichten - liefert in dieser Hinsicht viele Belege. Man denke an die kleinen Mädchen in Reifröcken. Diese historischen Erscheinungen sind nicht nur negativ dadurch zu erklären, dass Erwachsene die physischen Bedürfnisse der Kinder, zum Beispiel ihren Bewegungsdrang, falsch einschätzten, sondern wohl auch positiv dadurch, dass den Kindern eine ursprüngliche Stärke zuerkannt wurde, welche sie neben Erwachsene stellte.

 

2. Die kindliche Engelhaftigkeit

Die Rokoko-Epoche hat aber nicht nur das Verständnis vom Kinde als einem kleinen Erwachsenen gepflegt, sondern sie hat andererseits auch dem besonderen Vorstellungs- und Bildmuster des Kinderengels oder Putto zu ungeahnter Geltung verholfen. Putten sind bekanntermaßen unbekleidete, wohlgenährte und gesunde, lebhafte Kleinkinder mit Flügeln und mit erkennbar starkem Bewegungsdrang, der sich meist an ihrem Interesse am Fliegen zu erkennen gibt. Wenn auch der grössere Teil der Putten männlichen Geschlechtes ist, so treten sie dennoch insgesamt einfach als Kinder in Erscheinung. Das Besondere an ihnen ist aber, dass sie durch den kindlichen Gestus hindurch einen Ausdruck "ursprünglicher Weisheit" haben. Diese darzustellen, hatte die Bildende Kunst des 18. Jahrhunderts eine unvergleichliche Fähigkeit - im Einklang mit einem mentalen Grundzug des Zeitalters. Noch heute sind die Rokoko-Putten in unserer Vorstellungs- und Bilderwelt lebendig wie eh und je.

Oft sprechen wir von "Kinderengeln", wo ebenso "Engelkinder" gemeint sein können, wenn wir nämlich die Menschenkinder meinen, die gedanklich und mental mit den himmlischen Wesen leicht eine Verbindung eingehen. Sind doch die menschlichen Kinder auch geradenwegs aus der himmlischen Sphäre, von dort, wo die Engel zu Hause sind, in das irdische Leben getreten. Nur phantasielose Menschen betrachten das Eintreten eines neuen Menschen in diese Welt lediglich als einen biologischen Vorgang. Und so ist denkbar, dass man von "Engelkindern" Aufschluss über Engel erwarten kann, und dass man durch "Kinderengel" etwas über Kinder erfährt. Ist es denn abwegig anzunehmen, dass Kinder und Engel Gemeinsames haben?

Diese "irrationale" Komponente im kindlichen Wesen - anschaulich formuliert: die kindliche "Engelhaftigkeit" - ist Thema der folgenden Ausführungen. Nach unseren bisherigen Überlegungen ist sicher deutlich geworden, dass es sich bei dieser Vorstellung tatsächlich um eine "Komponente" handelt, nicht um einen Kindheitsbegriff an sich. Man könnte auch von einer Akzentsetzung im Kindheitsverständnis sprechen, die neben anderen wichtigen Akzenten zur Geltung kommt.

 

3. Von der Renaissance bis ins 20. Jahrhundert

Die Kinderengel sind schon in der Epoche der Frührenaissance erstmals wieder in die christliche Welt getreten. Der begnadete Donatello in Florenz hat das auf antiken Vorbildern beruhende Bildmuster aufgegriffen - man denke an den geflügelten Eros oder Amor, bzw. die Eroten oder Amoretten. Donatello war, wie andere Künstler seiner Epoche auch, von einem, noch in der Spätgotik wurzelnden, neuen Lebensgefühl bestimmt, welches den heiligen Personen (oder Personifizierungen), die eine transzendente Botschaft vermitteln, über ihre göttliche Ausstrahlung hinaus menschliche Züge mit gemüthaften Ausdrucksformen bis hin zu vitaler Körperlichkeit zuerkannte. In den Madonnenbildnissen der Zeit kommt eine liebevolle Mutter-Kind-Beziehung zum Ausdruck. Die beginnende Renaissance ist gerade durch diesen Mentalitätswandel in der Bildenden Kunst gekennzeichnet. Donatellos Kinderengel sind besonders herausragende Zeugnisse des neuen Zeitgefühls. Seither hat die Bildende Kunst den Kinderengeln gerade in ihrer kindlichen Erscheinungs- und Bewegungsart einen Ausdruck himmlischer Weisheit zuerkannt, was sich bis heute nicht geändert hat. Wir sind es gewohnt, dass die Engel den Ausdruck wissender Abgeklärtheit wie selbstverständlich mit kindlichen Körper- und Bewegungsformen verbinden. Und so lassen sie uns ständig wissen, dass sie im Himmel und auf der Erde gleichermaßen zu Hause sind.

Eingangs haben wir bereits festgestellt, dass Kinder den fröhlichen Bewegungsformen, so der rhythmischen und tänzerischen Darstellung zugetan sind. Den Künstlern der Frührenaissance-Epoche war diese kindliche Eigenschaft so wichtig, dass sie die Kinderengel oft in tanzenden Gruppen dargestellt haben, wobei sich die Akteure oftmals bis zum Furioso steigern können. Die tanzenden Kinderengel sind darum auch keineswegs Künstler-Engel-Imaginationen, sondern vielmehr das Ergebnis der Beobachtung von Kindern in der realen Welt. Freilich war und ist hierzu ein kindbezogener Standpunkt notwendig - und eine innere Einstellung, die in der kindlichen Vitalität auch eine "göttliche" Engelhaftigkeit zu erkennen vermag.

Donatello (1386 - 1466): Engelreigen an der Außenkanzel des Domes zu Prato (erstes Feld von sieben Feldern): Aus dem Skulpturenwerk strahlt uns Lebensfreude und Vitalität der Kinder entgegen. Donatellos Pratenser Engelreigen ist die Wiedergeburt der Kinderengel in der Frührenaissance. Es sind die ersten Putten in der christlichen Symbol- und Mentalitätsgeschichte. (Photo ALINARI, Florenz)

Eine wichtige Aufgabe der Engel besteht neben ihrer Selbstdarstellung darin, hilfreich bei Botschaften aus der transzendenten Welt in unsere irdische Welt mitzuwirken. Um sogleich an die bedeutsamste aller Gottesbotschaften zu erinnern: In der Heiligen Nacht sind viele Engel als Himmlische Heerscharen bei dem Verkündigungsengel und singen das Gotteslob, dessen Text uns seit Kindertagen geläufig ist. Waren in viel früheren Zeiten die Menschen gewohnt, dass Engel in der Gestalt von Erwachsenen die göttlichen Aufgaben erfüllen, so treten in der Neuzeit zunehmend Kinderengel an ihre Stelle. Putten tragen Bänder und Tafeln mit Gottes Wort, sie umfangen die heilige Jungfrau und die Heiligen in ihrer Glorie, und sie fliegen jubilierend durch die Sphären. Sie können bei Gelegenheit übrigens auch ganz weltliche Tätigkeiten verrichten, zum Beispiel mit dem Hobel des Tischlers oder den Stempeln des Druckers umgehen und noch manches mehr.

 
Raffael (1483 - 1520): Die beiden Engel vom unteren Rand der Sixtinischen Madonna in der Dresdner Gemäldegalerie Alter Meister. Hier einzeln auf Schutzhüllen für Telefonkarten der Deutschen Telekom. Ein seit langem weitverbreitetes Motiv, oft auf Gegenständen und in Medien des alltäglichen Gebrauchs.   Den Engel von Raffael gibt es seit vielen Jahrzehnten auch als von Kindern geschätztes Glanzbild oder Lackbild (manchmal "Liebesmarke" genannt), aber meistens nicht mehr in originaler Gestalt. Das liebe Wesen hier ist seitenverkehrt, hat eine veränderte Frisur und anders gefärbte Flügel; auch die Wolke, auf die es sich stützt, ist spätere Zutat.

Schauen wir nochmals auf die neuzeitlichen Ursprünge und auf die Entwicklung der Engelvorstellung seither zurück. Neben dem großen Meister Donatello und in seiner Nachfolge hat es zahlreiche weitere berühmte Künstler gegeben, die ihrer Umwelt und uns Nachgeborenen das Verständnis der Kinderengel überliefert und die Engelkinder-Vorstellung in unserer Welt immer bewusster gemacht haben. Allein die Engelkinder der Maler und Bildhauer aus der florentinischen Frührenaissance hier aufzuzählen, würde viele Seiten füllen. Aus der Hochrenaissance haben sich Raffaels Engel von der Sixtinischen Madonna fest in unser Bewusstsein eingeprägt. Auch die wohlgenährten Putten von Rubens sind allgemein bekannt, ebenso die barocken Engel und namentlich die auf sie folgenden Rokoko-Putten. Sie alle haben Anteil an der ikonographischen Entwicklung der Kinderengel bis in unsere Zeit.

Peter Paul Rubens (1577 - 1640), zusammen mit Frans Snyders: Der Früchtekranz. Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, München. Photo Blauel/ARTOTHEK, Weilheim. Rubens gestaltet in den verschiedensten Zusammenhängen Kinder als Putten. Reigentänze sind eine ihrer bevorzugten Tätigkeiten. Die Putten leben selbstvergessen, und oft winden sie Blumen- und Früchtegirlanden.

Starke Impulse sind von der romantischen Malerei ausgegangen. Exemplarisch sei auf Philipp Otto Runge hingewiesen, dessen Werk ohne die Kinderengel in vielen, auch umrahmenden Funktionen nicht vorstellbar ist. In der Biedermeier-Epoche, man denke an Ludwig Richter, fliegen die lieben Geschöpfe ernst und gelassen wie eh und je. Die Christnacht von Ludwig Richter aus dem Jahre 1855 mit ihrer Christkind- und Kinderengel-Apotheose hat meine eigene Vorstellung seit Kindheits-Tagen nachhaltig geprägt, als ich noch längst nicht wusste, um welche Kunst und um welchen Künstler es sich dabei handelt (und ich noch eine Zeit des Lebens brauchte, um zu verstehen, welchen Dienst die Engel überhaupt verrichten).- Nicht übergehen dürfen wir die Künstlergruppe der Nazarener, die in ihrer ernsthaften religiösen Auffassung Engel-Bildmuster verschiedener Epochen neu aufgegriffen haben, wie zum Beispiel mittelalterliche Verkündigungsengel und Renaissance-Kinderengel, unter anderem solche in Cherubim-Gestalt (d.i. ein Engelgesicht, das nur in Flügeln lebt; s.w.u.), ebenso schwebende Engel als junge Frauen.

In der akademischen Malerei des 19. Jahrhunderts, namentlich im Genre der sogenannten Salonmalerei, brachten die Künstler auf vielerlei Weise oft recht diesseitige Gefühle zur Geltung, die bis zum Erotisieren reichen konnten. Die Kunst erlaubte, was die prüde Lebensart nicht nach außen kommen ließ. So nimmt es nicht wunder, dass sich auch die Putten, deren Rokoko-Habitus noch nicht vergessen war, in laszivem Gestus zeigten. Ein berühmtes Beispiel ist das Bild Der erste Kuss des sensiblen Adolphe-William Bouguereau (1825-1905), auf dem das Miteinander zweier Kinderengel unsere Urgroßeltern wohl ins Schwärmen bringen konnte. Derselbe Künstler hat auch Die Geburt der Venus (Paris, Musée d'Orsay) gemalt. Auf dem Bild ist neben den anderen göttlichen Figuren ein das Ereignis lobpreisender Putten- oder KInderengel-Chor in der Himmelssphäre zu sehen, und außerdem sitzen Kinderengel mit abgeklärtem, freundlichem Ausdruck zu Füssen der Göttin. - Apotheosen der Schönheit werden in jener Zeit ebenfalls oft von Kinderengeln mitgetragen; diese gleichen sich in Ausdruck und Gestus den Erwachsenen an, und sie schmücken deren Gefühlswelt aus. Sie sind dienstbare Geister, aber eben in der Gestalt von Kindern. Aber das war doch nur eine Seite des Kinderengel-Verständnisses. Das 19. Jahrhundert konnte auch den Engeln als Kindern und den Kindern als Engeln Raum geben.

 
Philipp Otto Runge (1777 - 1810): Der große Morgen. Hamburger Kunsthalle. Ausschnitt vom oberen Rande der großen symbolischen Komposition, in deren Zentrum eine den Morgen begrüßende Frauengestalt steht.. Hier auf einer Briefmarke der Deutschen Bundespost zum 200. Geburtstag des Künstlers. Das der Romantik zuzurechnende Bild greift auf das barocke Putten-Muster zurück.

 
Adolphe-William Bouguereau (1825 - 1905): Der erste Kuss (Privatbesitz). Hier auf einer Schutzhülle für Telefonkarten der Deutschen Telekom. Ausschnitt des Bildes mit den zwei lieblichen, rokokohaften Nackedeis in traulichem Miteinander. Das Bild hat wie so viele Werke von Bouguereau in der allgemeinen Gunst alle Strömungen seit der Klassischen Moderne unbeschadet überstanden.

Es sei jedoch noch darauf hingewiesen, dass die Klassische Moderne, beginnend mit den Impressionisten, die Engel im allgemeinen und die Kinderengel im Besonderen zunächst fast ganz aus den Augen verliert. Aber diese leben an anderen Stellen weiter, in den zeitgleich aufblühenden neuartigen Medien der Ansichtskarten und Sammelbilder, in Kinderbüchern, in bebilderten Familien-Zeitschriften und auf den Deckeln von Preziosenschachteln, schließlich auch in Werbedrucksachen. In unserer Glückwunsch-Kommunikation sind kindliche Engel integrative Bestandteile. Bestimmte, von Alt und Jung geschätzte Figurenserien im Kinderstil mit ihren jeweils spezifischen Erscheinungs- und Ausdrucksformen enthalten oft auch Engel-Gestalten, wie zum Beispiel die Hummel-Figuren, welche seit vielen Jahrzehnten ungemein erfolgreich sind, sicher wegen ihres ausgeprägten "Kindchen-Schemas". Die über die ganze Welt verbreiteten und heißgeliebten Flower Fairies der Cicely Mary Barker (siehe die beiden nachfolgenden Beispiele) sind allesamt geflügelte Wesen, wobei es fast müßig ist, herauszufinden, ob es denn Unterschiede zwischen Feen, Elfen und Kinderengeln gibt. Manches von alledem mag dem elaborierten Bewusstsein als trivial erscheinen. - Auf den meist von jüngeren Mädchen geschätzten Glanzbildern oder Liebesmarken, die ebenfalls seit Jahrzehnten verbreitet sind, stellen Kinderengel ein nicht hinwegzudenkendes Thema dar. Siehe hierzu auch obiges Beispiel des Raffael-Engels als Glanzbild. Die Kinderengel sind bis in unsere Alltagskultur in mancherlei Gestalt allenthalben präsent.

 

Die Weihnachtsbaum-Fee aus den
Flower Fairies of the Winter

von Cicely Mary Barker

 
Die Liguster-Fee (sie ist wohl männlich!) aus den Flower Fairies of the Autumn von Cicely Mary Barker

© The Estate of Cicely Mary Barker 1940 u. 1926, 2002. Wiedergabe mit freundl.
Genehmigung von Frederik Warne & Co.

Cicely Mary Barker (1895 - 1973) hat ein sehr umfangreiches graphisches und in viele Sprachen übertragenes literarisches Werk über ihre Flower Fairies hinterlassen. Jede Fairy-Darstellung steht in einem botanischen Zusammenhang und ist mit einem Gedicht verbunden. Fairies gibt es auch als Poster sowie als sorgfältig gebildete Figuren, und sie sind auf vielerlei Spielsachen und Gebrauchsgegenständen abgebildet.

Interessanterweise hat sich seit dem 19. Jahrhundert auch das Schutzengelmotiv neu entfaltet, zwar weniger in der "großen" Kunst, sondern mehr in den Bildmedien für den unterhaltenden und nachdenklichen Gebrauch. Der Schutzengel tritt oft als junge Frau oder reifes Mädchen mit großen Flügeln in Erscheinung, wenn er ein Kind durch Gefahren geleitet, denen es in dieser Welt allenthalben begegnen kann. Aber auch Kinderengel können Schutzengel sein. Das bedeutet, dass Kinder einserseits von Engeln beschützt werden und andererseits - als Kinderengel - selbst Beschützer sein können. Als Erwachsene möchten wir ebenfalls immer unter dem Schutz eines Engels stehen. Zwei Schutzengel-Beispiele folgen hier.

 
Im See. Ein Engel sei Dein Hort. Heute und immerfort! Im Jahre 1905 schrieb (Fräulein) Martha in Thalfingen an ihre Freundin (Fräulein) Emilie in Stuttgart, wie sie sich über Grüße freut, und sie verspricht allemal auch gleich wieder zu schreiben.   ... ein Schutzengel zur rechten Zeit schützt oft vor Unannehmlichkeit! (wenn zum Beispiel ein Dachziegel herunterfällt). Das kleine Englein (Höhe 4,5 Zentimeter) mit Erläuterung kann man derzeit im Laden des Stifts Neuzelle bei Eisenhüttenstadt kaufen.

Den mit ihrer kindlichen Wesensart verbundenen Ausdruck himmlischer gleichwie menschlicher Weisheit haben die Kinderengel nie ganz verloren, es sei denn, sie wurden gar zu sehr verfremdet, was aber seinen eigenen Reiz haben kann. (Ein besonders witziges Buch handelt über die vielen Verfremdungen, die es von den Engeln am unteren Rand der Sixtinischen Madonna von Raffael gibt: Angelika Baeumerth / Karl Baeumerth: Die Engel der Sixtina - Eine deutsche Karriere. Regensburg 1999.)


4. Wie die Engel im Allgemeinen und die Kinderengel im Besonderen ein Teil unseres Lebens sind

Der Umgang mit dem Engel-Begriff ist im Grunde ein sprachliches Spiel, bei dem "unscharfe" Bestimmungen und Begriffsverwandlungen zwischen Engel und Kind, auch zwischen Engeln in der Gestalt von Erwachsenen und Kinderengeln, zum "semantischen Programm" gehören. Wer es nicht glauben mag, soll einmal in unsere Alltagskommunikation hineinhorchen. Als ein Vater in der Runde über sein Kind sprach, gebrauchte er die Worte: Unser kleiner Engel... Das altehrwürdige, auch heute noch gesprochene Abendgebet aus Des Knaben Wunderhorn, welches von Engelbert Humperdinck vertont worden ist, beginnt mit dem Vers: Abends wenn ich schlafen geh, vierzehn Englein um mich stehn... (wobei übrigens die 14 Englein/Engel in einer byzantinischen Tradition stehen). Die volkstümlichen Sänger Stefanie Hertel und Stefan Mross singen in einem ihrer erfolgreichen Lieder über ihr neugeborenes Kind ... so lieb kann nur ein Engel schaun. Erwachsene Engel sind uns ebenfalls gegenwärtig. Da sagte nämlich Jemand zu seiner Partnerin (vielleicht auch eine Frau zum Mann): Mein Schatz, du bist ein Engel... Und es gibt noch den Evergreen aus den Dreissigern: Heut´ kommen d´Engerln auf Urlaub nach Wean... Im rheinischen Karneval stehen kleine Englein denen zur Seite, die zu tief ins Glas geschaut haben. Sprachgebrauch und Sinngebung in all diesen Beispielen, zu denen noch viele hinzugefügt werden können, verweisen auf einen tiefgründenden, internalisierten Sachverhalt im menschlichen Miteinander, der in unserer postmodernen Gedanken- und Empfindungswelt einer neuen Bewusstmachung bedarf.

Auch die Menschen in der atheistischen Lebenswelt des real existierenden Sozialismus schätzten die Engel. Sie waren resistent gegen Versuche, ihnen die Engel aus dem Bewusstsein zu entfernen. Schließlich versuchten die Kulturverantwortlichen der Deutschen Demokratischen Republik, unter Vermeidung von nichtsozialistischen Wörtern wie Weihnachtsengel oder Rauschgoldengel unverfänglicher erscheinende Kennzeichnungen - so glaubten sie jedenfalls - für die Arten einer Gattung anzuordnen, die sich partout nicht ausrotten ließ. Auf diese Weise wurde unsere Sprache um inzwischen wörterbuchreife Begriffe wie Jahresendflügler, Jahresendflügelpuppe, (Seifener) Kerzenkind etc. bereichert.

Die Engel aus den himmlischen Höhen sind fest in unsere Kommunikations- und Urteilsweisen eingefügt, ohne dass sie in Frage gestellt werden. In vielerlei Situationen reden wir Freundliches und Herzliches miteinander oder über andere und nehmen dabei wie selbstverständlich Engel-Bilder und Engel-Metaphern zur Hilfe. Dabei bewegen wir uns meist, wie obige Sprachbeispiele zeigen, in einer zwanglos heiteren Welt, die gegenüber der ernsten Lebenswelt letztlich bedeutungslos zu sein scheint. Von theologischer Seite wird gelegentlich darauf hingewiesen, dass es einen Verlust an Ernsthaftigkeit im Umgang mit den Engeln, genauer, mit der Engel-Vorstellung gibt, was einen Verlust an Verständnistiefe bedeute. In der Symbolwelt kirchlicher Druckmedien haben Engel - wenn sie denn wieder darin vorkommen - in der Gestalt ernster, erwachsener Menschen Priorität. Lassen wir es dabei. Ich sehe die Engel als Kinder gerne in der glücklichen Welt fliegen, wissend, dass viel Ernsthaftigkeit dabei ist - und dass Kinder zu Zeiten auch Engel sein können.

Wegen dieser in komplexe Zusammenhänge führenden Überlegungen bin ich übrigens einmal aggressiv angegangen worden. Die betreffende Kritikerin, eine junge Frau aus einem bekannten erziehungswissenschaftlichen Institut in der Schweiz - sie befasst sich öfter mit feministischen Fragen - wollte aus meinen Ausführungen entnehmen, dass mein Verständnis von Kindern das von Engeln sei, was in diesem Falle heißen sollte, dass Kinder von mir nicht anders als einer himmlisch-heilen Welt angehörig verstanden würden. (Siehe derzeit hierzu: http://www.dieterhoof-paedagogik-kultur.de/anlage1.htm betr. eine sog. "Rezension" von Sabine Andresen.) Und weiter wird angeführt, ich sei dem Zauber des Neuen, der Imagination der Unschuld und der Sehnsucht nach Harmonie erlegen, woraus besagte Kritikerin dann die weitere Schlussfolgerung zog, dass ich in der Kindheitsforschung - in deren Zusammenhang stehen nämlich entsprechende Gedanken von mir - noch nicht richtig wissenschaftlich arbeiten könne. (Gemeint ist: Dieter Hoof: Opfer - Engel - Menschenkind. Studien zum Kindheitsverständnis in Altertum und früher Neuzeit. Bochum 1999.) An sich wäre dieser, in Häme daherkommende Vorwurf nicht der Erwähnung wert, und ich benötige hier auch kein Forum, um mich zu rechtfertigen. Indessen zeigt sich bei näherem Zusehen, dass die genannten, aus einem böse verfassten Herzen geflossenen Bestimmungen wegen ihrer klaren Bedeutung überhaupt nicht mit einer negativen Semantik versehen werden können. Der Engel-Vorstellung fallen durch eine solche Aggression, zu der man Parallelen finden kann, unerwartet positive Verständnis-Kategorien auf der Meta-Ebene zu. Denn das innere Auge erkennt, dass Kinder wie Engel in der Tat vom Begriff der Unschuld her imaginiert werden können und dass sie der Zauber des Neuen umleuchtet. Auch billigen wir Kindern und Engeln zu, dass sie unserer zu Zeiten mächtigen Sehnsucht nach Harmonie Ausdruck geben können, was wiederum lebensfördernd auf die Kinder zurückwirkt. - Mitteilenswert ist vielleicht auch, dass eine meinem Umkreise nahestehende, ebenfalls im akademischen Bereich tätige Frau in mittlerem Alter glaubte, an meiner Beschäftigung mit den Kinderengeln erkennen zu können, dass ich eine noch nicht aufgelöste Mutterbindung habe. (Mein Gott Sophia, Du hast voll den Durchblick!)

Die bisherige Erörterung hat gezeigt, wie in unserer Religions- und Kulturgeschichte seit der Epoche der Frührenaissance ein Bewusstsein dahingehend entstanden ist, dass Kinder in ihrer Nähe zu den Engeln noch Anteil an einer ursprünglichen, göttlichen Natur haben, die den erwachsenen Menschen mehr und mehr verloren geht. Gegen diese Vorstellungsweise kann eine pseudoaufklärerische Voreingenommenheit aufkommen, die sich in einer Abwehrhaltung gegen Kinderengel- und Engelkinder-Vorstellungen kundtut. Dabei verliert man dann die Fähigkeit, in einem wissenschaftlich entfalteten Diskurs über die betreffenden Symbolwelten, Bedeutungsebenen und ikonographischen Zusammenhänge mitzuwirken, wo ja lauter "Unernstes" verhandelt wird.

Unsere Beispiele zustimmender Verwendung von Engel-Denkmustern und die beschriebenen Fälle ihrer Abwehr lassen die Vermutung zu, dass sich hierin eine Ambivalenz in unserem überkommenen kulturellen Habitus kundtut. Verifizierungen und Verallgemeinerungen in dieser Hinsicht sind aber wegen der sensiblen mentalen Komponenten im Schnittbereich zwischen Kind-Vorstellungen und erwachsenem Bewusstsein schwierig.

In volkstümlichen Denkmustern und Kommunikationsfiguren findet man bekanntlich oft eine liebevoll-direkte Akzeptanz der Engel. Ein Teil der hier dargebotenen Engelbilder, nicht nur solche aus dem Ansichtskarten-Genre, entspricht dahingehender Erwartung. Man könnte meinen, dass die darauf gerichteten Abwehrstereotype förmlich einen elaborierten Gegenpart kennzeichnen, namentlich, wenn die inkriminierten Engel ein triviales Erscheinungsbild zeigen. Ein denkender Mensch glaubt nicht an Engel. Zwingend ist die Abwehr aber nicht. Denn auch Gelehrte - nicht nur Theologen - sind den Engeln freundlich zugeneigt. Möglicherweise steht hinter dem Abwehrverhalten nur Unwillen, sich den durch die Kinderengel und Engelkinder repräsentierten elementaren Vorstellungs- und Gefühlswelten zu öffnen.

Oftmals werden Engel aber auch mehr beiläufig und halbbewußt als gewohnte dekorative Zutat unseres Alltags wahrgenommen. Zur Weihnachtszeit fliegen die Engel durch das Kaufhaus, und weder die Philosophie-Professorin noch die Schuhverkäuferin denken weiter über sie nach.

Allen Engeln gemeinsam ist die Weisheit, gleich ob sie als Kinder oder als Erwachsene erscheinen. In der volkstümlichen Bilderwelt wie in der großen Malerei sind auch heute die Grenzen der Kinderengel zu Engeln in der Gestalt von Jugendlichen und von Erwachsenen manchmal fließend.

Wenn sich der eine oder andere Leser ein eigenes Bild über die von mir untersuchte Kinderengel-Entwicklung machen möchte, so darf ich ihn auf das oben angezeigte, leicht greifbare Werk über Opfer - Engel - Menschenkind verweisen. (Darin werden auch andere, traurig aufscheinende Seiten des Kindheitsverständnisses in der Geschichte untersucht.)

So bedeutungsvoll die Engel-Thematik nach dem Vorausgehenden für das Kindheitsverständnis und das Leben mit Kindern ist, so stellt sie dennoch nur einen Aspektbereich neben anderen dar. Unsere Frage lautet daher, was der Vorstellung von Engelkindern sine ira et studio an anderen Bewusstseinsinhalten aus unserer sozialen Wirklichkeit gegenüber zu stellen ist bzw. sie relativiert.

Im Gegensatz zu den Engelkindern gab (und gibt?) es die ungehorsamen oder bösen Kinder. In früheren Jahrzehnten war es möglich, das engelhafte oder engelhaft imaginierte Kind vor einer Gegenfolie des bösen Kindes herauszustellen. Ein engelhaftes Kind war auch ein gehorsames Kind. Heute legen wir eine solche repressive Einstellung in der Mottenkiste "schwarzer Pädagogik" ab.

Anstelle von Gut-Böse-Polarisierungen ist es notwendig, die vielfältigen lebensbezogenen Aspekte kindlicher Existenz in unserer sehr oft problembeladenen, manchmal aber auch frohgemuten und glücklichen Welt zu benennen. Dann stoßen wir einerseits auf die verbreitete Vernachlässigung des Kindes, ebenso auf seine Überforderung und die oft maßlose Ausnutzung der kindlichen Hilflosigkeit, auf der anderen Seite erkennen wir das fröhliche, spielende und lernende Kind in seinen alltäglichen familiären, schulischen und freundschaftlichen Beziehungen, desgleichen das "schwierige" und das behinderte Kind, denen geholfen werden kann. In dem Maße, wie wir die Probleme der kindlichen Existenz nicht ignorieren, können wir auch die Engel und die Bilder von ihnen in unserer und der Kinder Lebenswelt akzeptieren.

Während Verfasser soeben letzte Hand an den vorliegenden Beitrag anlegt (am 2. November 2002), wird von dem traurigen Ereignis des Erdbebens in San Giuliano di Puglia berichtet, wo in der Scuola Francesco Jovine 27 Kinder ihr Leben gelassen haben, darunter eine gesamte Jahrgangsklasse. Die Aufbahrung der Leichen fand in der erhalten gebliebenen Sporthalle statt, die zur "Halle der Engel" wurde.

Die Engel-Vorstellung gehört zu den mächtigsten Sinnfindungsimpulsen in der abendländischen Kulturgeschichte. In dem ungemein vielgestaltigen Kosmos der Engel sind die Kinderengel und Engelkinder - in ihrer Ernsthaftigkeit wie in ihrer heiteren Naivität - bis heute eine nicht hinweg zu leugnende kulturanthropologische und erziehungsgeschichtliche, manchmal auch eine seelsorgerliche Kraft.

Dass es in anderen Kulturkreisen ebenfalls Vorstellungen über Engel, oder richtiger: engelartige Wesen gibt, muss hier zumindest erwähnt werden. Weiterführende Hinweise enthält das beigefügte Literaturverzeichnis. Es hat aber auch Zeiten und Kulturen gegeben, in denen Kinder in ihrem Menschsein nicht so akzeptiert waren, dass sich eine engelhafte Komponente ihres Wesens zur Geltung bringen konnte.


5. Dienste und Rollen der Engel, wie sie allgemein geläufig sind. Eine ergänzende Bildreihe zur Belebung der Vorstellung

Nun richten wir unseren Blick nochmals besonders auf die Kinderengel und Engelkinder in der volkstümlichen Symbolwelt. Dabei vertiefen sich unsere Kenntnisse über die "Arbeitsgebiete" der Engel. Und es zeigt sich, dass Engel im Bewusstsein unseres Zeitalters zu einem großen Teil weiblichen Geschlechtes sind. Weiblich ist interessanterweise auch die wohl wichtigste engelhafte Verkörperung, nämlich die des Christkindes. Und manchmal ist in der Engelsymbolik die Grenze zwischen Frau und Kind verwischt, so dass sich der Typus der Kindfrau als Engel herausbildet. Aber Entsprechendes kennen wir ja schon von den knabenhaften Putten, die sich oft so richtig erwachsen gerieren können.

 
Die Liebesbrief-Botin. Diese Grußkarte schickte Frida 1911 von Jena an ihren Soldaten beim k.k. Landesschützenregiment in Riva am Gardasee. Unsere Frage könnte lauten, ob denn die engelgleiche Botin auf dem Bilde ein Kind oder eine Frau in einem kindlichen Körper ist? Den Köcher mit den Liebespfeilen hat sie wohl von ihrem Bruder Amor entlehnt.   Gesegnete Ostern. Eine weitere Grußkarte, die Frida ebenfalls im Jahre 1911 an ihren Liebsten in Riva am Gardasee schickte. Aus dem ernsthaftesten aller Symbole wird hier ein artiges Blumengebinde, betreut von zwei Kinderengeln, denen man förmlich ansieht, dass sie zu Frauen heranwachsen, die das Leben bewältigen werden. Eine wenngleich komplexe, so doch gefällige Engelbotschaft, die wir nicht einfach dem Umkreis des Trivialen zuzurechnen wagen.

 
Engelszungen. Aus dem Postkartenprogramm der Grafik Werkstatt Bielefeld Jochen Mariss, erhalten 2002. Ein Engel unserer Tage bringt uns auf den Weg der Nachdenklichkeit: In unserem Inneren ist eine Stimme, die uns sagt, was gut für uns ist. Wir können sie nicht mit den Ohren hören, aber mit dem Herzen. Auch Landesbischöfin Dr. Margot Käsmann, Hannover, ist auf den Engel aufmerksam geworden. Sie setzt ihn (ohne den Text) ihrer Grußbotschaft zu Weihnachten 2001 voran. Die Botschaft ist noch erreichbar unter www.alfeld.de/kultur/nicolai/zeile1/engel.html.
 
Leise flehen meine Lieder. Grußkarte aus dem Jahre 1922 von Meta in Großschönau/Sachsen an ihre Freundin Lise in Walddorf/Sachsen. Man beachte das kunstvolle Arrangement auf der Stuhllehne, und man lausche, wie das Lied des hingebungsvollen kleinen Sängers aus dem geöffneten Fenster nach draußen dringt.

 
Fröhliche Weihnachten. Familiengruß aus Saulgau 1909 an ein Ober-Schweizer-Paar an einer böhmischen Ackerbau-Schule. Das Christkind als junge Frau kommt zu den in erwartungsvoller Freude eingeschlafenen lieben Geschwistern.   Herzliche Weihnachtsgrüße von Familie zu Familie gingen 1921 von Celle nach Halle a.d.S. Das Christkind ist jetzt eine liebe geflügelte Kindfrau mit Blumenkranz im Haar. Mit den drei recht putzigen Engelhelferinnen werden draußen im Schnee die Weihnachtsgeschenke für die irgendwo schon sehnsüchtig auf die Bescherung wartenden Kinder eingeteilt. Kirche und Tannenbäume gehören in das weihnachtliche Bild.

Anmerkungen zur Christkind-Frau: Am Anfang war der Heilige Nikolaus als Gabenbringer, und noch früher waren es die Heiligen Drei Könige. Martin Luther hat an die Stelle des Heiligen Nikolaus den "Heiligen Christ" gesetzt. Aus ihm hat sich das "Christkind" entwickelt, in Anlehnung an das männliche Kind in der Krippe. Jedoch als weihnachtlicher Gabenbringer konnte sich das männliche Christkind in der Volksfrömmigkeit nicht durchsetzen. Aus dem männlichen Kind wurde ein weibliches Kind, dann ein reiferes Mädchen und schließlich eine mädchenhafte junge Frau. Die weibliche Eigenschaft des Christkindes darf man in uralten weiblichen Gestalten des Volksglaubens suchen. So wurde das Christkind weiblich und heidnisch zugleich, und das im evangelischen wie im katholischen Bereich. Diese Christkind-Vorstellung verband sich dann mit der Engel-Vorstellung. Die großen geschwungenen Flügel, wie bei dem Christkind auf obiger Ansichtskarte von 1909, stammen von den Engeln in der Gestalt Erwachsener, die es in allen Kunstepochen gab. Jedoch hat das Christkind als Engelwesen die großen Flügel erst im bürgerlichen Zeitalter angelegt und so zu seiner uns heute bekannten, charakteristischen Gestalt gefunden. Man denke an das Nürnberger Christkindl. Ein frühes, aber nicht minder berühmtes Beispiel für eine junge Christkind-Frau mit großen Flügeln findet sich auf der letzten Seite des Struwwelpeter von Dr. Heinrich Hoffmann (seit 1848), wo es bekanntlich heißt: Wenn die Kinder artig sind, kommt zu ihnen das Christkind. Bis heute konnte sich zu Weihnachten das heidnische Christkind mit den Engelsflügeln aus der christlichen Tradition neben dem männlichen Kind in der Krippe behaupten. Das Christkind ist ein "erhöhtes" Kind, das zum Hohen Festtage die Menschenkinder am himmlischen Glanz teilhaben läßt. Die Christkind-Vorstellung kulminiert solcherart in reifer, engelhafter Kindlichkeit.

 
Hoffnung. Eine Feldpostkarte, die Maria aus Mannheim im Jahre 1917 an ihren lieben Vater, einen Sanitäts-Unteroffizier, schickte. Wir sehen eine souveräne Frau in Kindesgestalt, die in trauriger Zeit Hoffnung ausstrahlt, verstärkt durch das Anker-Symbol. Sie sei hier neben unsere vielen Engel gestellt. (Dieses Bild von damals steht übrigens in wohltuendem Kontrast zu den Hervorbringungen der neuerlichen Lolita-Renaissance in Literatur, Medien und ernsthaftem Theater.)   Das kerzentragende Englein (Höhe 24 Zentimeter) ist fast schon unwirklich in seiner kleinkindhaften Kontemplation. Man kann es im Dekorations-Fachgeschäft erwerben.

 

6. Zu guter Letzt: Cherubim, die sanften Himmelswesen

Cherubim sind mythische, engelgleiche Wesen, die gemäß einer ikonographischen Linie seit byzantinischer Zeit nur aus Kopf und Flügeln bestehen. (Es gibt noch weitere Muster.) Sie haben ihren Ursprung in den sechsflügeligen Seraphim vor Gottes Thron, von denen der Prophet Jasaja berichtet. Dort sind es ernste, manchmal mit Tierfüßen dargestellte Wächter-Gestalten. Der Prophet Ezechiel führt Cherubim mit vier Flügeln und vier Gesichtern an, die Gottes Thron umgeben und seine Erscheinung begleiten. Auch stützen sie Gottes Thron, und sie sind unter den Heerscharen Gottes. In der Ikonen- und Freskenmalerei der Ostkirche gehören die Cherubim zum Standard. Dort hat ein Cherub bis zu sechs oder sogar sieben Flügelpaare. In der Frührenaissance werden sie zu lieblichen Kindern, deren Kopf aus ihren zwei oder vier Flügeln herausstrahlt. Seitdem treten sie, oftmals dekorativ aneinandergereiht, in der Malerei wie in der Bildhauerkunst auf und umrahmen - ihrer himmlischen Bestimmung folgend - heilige Szenen mit ihrem herzlichen Ausdruck, zum Beispiel die Madonna mit dem Kinde. Sie können gar deren Mandorla bilden. Ihre vorerst letzte große Entfaltung erlebten die Cherubim in der volkstümlichen Bildkommunikation seit dem neunzehnten Jahrhundert, losgelöst von Gottes Thron und seinen Heiligen, freischwebend in der Welt der Ansichts- und Grußkarten, Sammelbilder und Festdekorationen. Wir treffen sie auch heute allenthalben in ihrer Freundlichkeit.

Verfasser dankt sehr freundlich Karl Stehle in München für die Bereitstellung von Bildbeispielen zu den Cherubim aus seiner großen Ansichtskarten-Sammlung. Auch Dr. Wolfgang Eichler, Berlin, darf ich erwähnen, denn er erfreute mich zu Weihnachten 2001 mit dem hier zunächst folgenden Kartengruß, welcher den Nachdruck eines Cherub-Bildes zeigt (als dessen Original Karl Stehle eine Grußkartendarstellung vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ermitteln konnte).

 
Fröhliche Weihnachten. Grußkarte mit einem Cherub vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Nachdruck der Karte geht heute wieder als Weihnachtsgruß in die Welt.   Cherubim-Pärchen als Glanzbild. Vermutlich aus der Zeit um 1950. Schon um 1900 spielten die Mädchen, manchmal auch Jungen, mit Glanzbildern, die einen breiten Vorrat an Themen aus einer glücklichen Welt umfassten.
 
Glanzbilder, durch abtrennbare Zwischenstege zu einem Bogen verbunden. Zwei Cherubim im Pärchen mit schönen Lockenfrisuren und Sterndiademen. Ein weiteres Engelkind mit Blumenkranz im Haar bildet in vervielfältigter Form einen Kranz um das Pärchen. Der Bogen im Stil der Glanzbilder früherer Zeit war 1999 bei Mc.Paper, den Schreibwarengeschäften der Deutschen Post AG, zu haben.
Ein Englein send ich zu Dir fort, Umrahmt von Glücksklee dicht. Bringt zu Dir nur ein einzig Wort, Den Gruß "Vergiss mein nicht!" Im Jahre 1901 ging dieser Gruß an Fräulein Gertrud in Berlin - ohne weiteren Text, wie es in der Zeit nicht unüblich war. - Eine genaue Beobachterin hat bemerkt, daß zu dem lieben Engelgesicht auch ein mit einem weißen Hemdchen bekleideter Körper gehört. Bei den Engeln ist eben vieles fließend.

 

7. Erkenntnisgewinn

Abschließend stellt sich die Frage, ob unsere Erörterung mit den Quellenaufweisen Verallgemeinerungen erlaubt. - Es konnte gezeigt werden, dass es in unserem Kulturkreis eine Engelsymbolik mit Bedeutung für das Kindheitsverständnis gibt.Die Engelsymbolik hat ein vielfältiges zwischenmenschliches und emotionales Spektrum. Es gibt fröhliche und ernste, lustige und traurige, kluge und naive Kinderengel. Diese können mit dem Ausdruck von Erwachsenen auftreten und vielfältige Aufgaben übernehmen, oder sie erscheinen uns als kindlich erwartungsvolle Himmelsgeschöpfe. Allen diesen Engel-Verkörperungen ist ein irrationaler Aspekt des Kindlichen zu Eigen, dem Erwachsene in ihrem Bewusstsein Raum geben können als einer Erweiterung und Entgrenzung des alltäglichen Lebens mit den Kindern - über die lebenspraktischen Anforderungen und über direkte, lebensfördernde Menschlichkeit hinaus. Denn Kinder leben zu Zeiten gerne in einer Engel-Welt, die eine zauberhafte Welt ist.

Vielen Eltern, Großeltern und Kinderfreunden, nicht zuletzt den professionellen Erziehern, mag es erscheinen, als ob wir in der Sache selbst im Grunde doch lauter Selbstverständlichkeiten verhandelt haben. Gerade Menschen, die sich nicht ständig in elaborierten Diskursen über Lebensfragen austauschen, haben oft eine urtümliche, sichere Fähigkeit, kindliche "Irrationalität" und Liebesfähigkeit zu akzeptieren. Ihnen sind die Engel geläufig. Andere mögen sich darüber ärgern, dass Kinder mit den Engeln zusammen - wie es ihnen erscheint - in höhere Sphären gehoben oder doch als einer "heilen Welt" zugehörig empfunden werden, wie es der Gebrauch der Engel-Metaphern in der sprachlichen und bildlichen Alltagskommunikation zeigt. Verfasser hofft indessen, dass es ihm gelungen ist, einen komplexen kulturanthropologischen und erziehungshistorischen Sachverhalt von seiner immanenten Logik her in Umrissen dargestellt zu haben. Hierbei sind neben den ernsten wohl auch die heiteren Seiten des Themas gebührend zur Geltung gekommen.

Vom Theorieverständnis her gesehen handelt dieser Beitrag über ein Thema aus der sogenannten Grundlagen-Forschung. Gleichwohl stehen unsere Überlegungen und Beispiele in deutlichen Bezügen zum Alltagsleben. Die Engelkinder-Vorstellung kann dadurch in den Alltag hinein wirken, dass sie bewusst, halbbewusst oder unbewusst unser Verhältnis zu den Kindern beeinflusst und bereichert. Hierbei kommen aber eher subtile Mentalitätskomponenten zur Geltung, als konkret bestimmbare Handlungs- und Kommunikationsimpulse.

Alle Aspekte der Thematik darzustellen, ist nicht möglich. Denn mit Text- und Bildquellen über Engel im Allgemeinen und über Kinderengel im Besonderen kann man Bibliotheken und Museen füllen, so viel haben sich die Menschen seit jeher mit den Engeln beschäftigt. Selbst der Kind-Aspekt der Engel hat noch viele Fazetten, die wir nicht berücksichtigt haben.

Das Leid und das Unrecht, welches Kinder erfahren haben und heute noch allenthalben in unserem Lande und an vielen Stellen in der Welt erfahren, konnte durch die Engelvorstellung nicht verhindert werden. Wir haben aber in den Engeln ein seit Jahrhunderten erstaunlich bestandskräftiges ikonographisches Muster, von dem immer erneut Impulse für die Fortentwicklung von kindbezogenen Empfindungen ausgehen. Dadurch kann die Akzeptanz von Kindern vielleicht auch bis in den oft schwierigen Alltag hinein befördert werden.

Obwohl sie die Engel kennen, haben Menschen eine paradiesische Welt nicht schaffen können. Aber es gibt ein Wissen über das Paradies, bei Kindern mehr als bei Erwachsenen.

 

Donatello,1356 - 1466 (Nachfolge): Madonna mit dem Kinde und fünf Engeln. Staatl. Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Skulpturensammlung, Inv. M 88. Aufnahme J.P. Anders, Berlin. Es handelt sich um einen Künstlerentwurf (Bozetto) aus Terrakotta. Der Madonna eignet ein hohes Maß an Ursprünglichkeit des "diesseitigen", mütterlichen Ausdrucks und des liebevollen Gestus. Es herrscht Einklang zwischen der Mutter, ihrem Kinde und den fünf weiteren Kindern. Man achte auch auf die betenden Hände.

8. Ausgewählte Literatur

Die den verschiedensten Disziplinen zugehörige Engel-Literatur ist wie gesagt unüberschaubar. Nachfolgend werden einige Bücher zur Entstehung und Entfaltung der Engel-Vorstellung und des Engel-Musters unter theologischem, kunsthistorischem und volkskundlichem Aspekt aufgeführt, darunter solche Schriften, die sich partiell oder monographisch mit der Kinderengel- und Engelkinder-Thematik befassen. Ebenfalls genannt sind Bücher über Künstler und Künstlerinnern, in deren Werk Kinderengel und Engelkinder wesentliche Bedeutung haben. In den angeführten Schriften ist meist ausführliche weiterführende Literatur angegeben.
Die zahlreichen Werke zur Engel-Thematik, welche vornehmlich der spirituellen Entfaltung Erwachsener verpflichtet sind, müssten eigens bibliographiert werden. Hingewiesen sei auch darauf, dass die in der jüngeren Vergangenheit aufgekommene und in der Gegenwart verbreitete "esoterische" Literatur teilweise von einer erheblichen Engel-Komponente bestimmt ist.


Bandini, Pietro: Die Rückkehr der Engel. München ( Heyne) 1999.(Bibelkundlich, theologisch und kunsthistorisch fundierte Engelkunde mit enzyklopädischer Tendenz.)

Barker, Cicely Mary: Flower Fairies im Herbst. München (Dessart) 2000. (Exemplarisch für das umfangreiche Kinderbuch- und Graphik-Werk der 1895 geborenen Künstlerin, welche durchgehend die Welt der Engel- und Feen-Kinder mit botanischen Bild-Studien verbindet.)

Bentchev, Ivan: Engelikonen - Machtvolle Bilder himmlischer Boten. Freiburg i.Br. (Herder) 1999. (Materialreiche kunsthistorische Studie im biblischen und kirchengeschichtlichen Zusammenhang.)

Baeumerth, Angelika und Karl: Die Engel der Sixtina - Eine deutsche Karriere. Regensburg (Schnell & Steiner) 1999. (Eine höchst amüsante Zusammenstellung aller irgendwo in der Welt auffindbar gewesenen Verwendungen und Verfremdungen der berühmten Kinderengel vom unteren Rande der Sixtinischen Madonna Raffaels mit pfiffigen Kommentaren.)

[Pseudo] Dionysius Areopagita Opera. Ausg. Straßburg 1503 (Nachdruck Frankfurt a.M. (Minerva) 1970). Darin: cap. I-XV: Celestis hierarchie. - Deutsche Ausgabe: Die Hierarchien der Engel. Weilheim 1955. (Das frühchristlich-antike Standardwerk vom Ende des 5.Jahrhunderts über die Ordnung der Himmlischen Heerscharen.)

Fischer, Johann: Die Engel von Engeldorf. Herzlich willkommen im virtuellen Engelmuseum. www.engeldorf.de (Johann Fischer hat "die größte Engelsammlung der Welt". Adresse: D-51515 Engeldorf.)

Gerlitz, Peter (Hrsg.): Wasser und Quelle, Engel und Dämonen. Vorträge der Gesellschaft für wissenschaftliche Symbolforschung aus den Jahren 1995 und 1996... (Jahrbuch für Symbolforschung, Bd. 13). Frankfurt/Main (Peter Lang) 1997. (Hier von Bedeutung der zweite Teil über Engel und Dämonen; in den Beiträgen werden besonders die Kontexte berücksichtigt, in denen sich die Engel-Symbole entwickeln.)

Gläser, Rudolf: Ein himmlischer Kindergarten - Putten und Amoretten. München (Bruckmann) 1939. (Die göttlichen Kind-Verkörperungen der Antike und die christlichen Kinder-Engel im Zusammenhang betrachtet; mit vielfältigen historischen Verweisen, zum Glück ohne Referenz gegenüber dem bösen Zeitgeist um 1939.)

Hansmann, Wilfried: Putten. Worms (Wernersche Verlagsgesellschaft) 2000. (Entfaltung des Putto-Bildmusters von der Renaissance-Epoche bis zum Barock und seine Herleitung aus antiken Bildvorstellungen. Erörterung der Bedeutungs- und Symbol-Dimensionen. Viele Beispiele aus Malerei, Graphik und Skulptur, vornehmlich aus Mitteleuropa.)

Heiser, Lothar: Die Engel im Glauben der Orthodoxie (Sophia - Quellen östlicher Theologie, Bd.13). Trier (Paulinus-Verlag) 1976. (Bibelkundlich und kirchengeschichtlich fundierte Monographie unter den Leitbegriffen "Liturgie - Väterlehre - Kultbild".)

Hoof, Dieter: Opfer - Engel - Menschenkind. Studien zum Kindheitsverständnis in Altertum und früher Neuzeit. Bochum (Winkler) 1999. (Darin: "Eroten, Engel Gottes und das göttliche Kind" S.269ff. sowie "Sie tanzen Reigen, und sie singen Psalmen" S.354ff. Die Kapitel handeln über Kinderengel und Engelkinder von Donatello und Luca della Robbia.)

Hophan, Otto: Die Engel. Luzern (Räber & Cie.) 1956. (In Verfolgung des augustinischen Verständnisses von der "morgendlichen" und der "abendlichen Erkenntnis der Engel" wird im Buche in neun Kapiteln "zu Ehren der neun Engelchöre" die überkommene "Lehre von den Engeln umfassend" dargestellt. Der Autor wendet sich gleich zu Anfang entschieden dagegen, dass die Engel "zu bloßen `Schutzengelchen´ oder zu einer ästhetischen Angelegenheit verflacht worden" sind, und er betont: "Das Buch steht ganz auf dem Boden der Heiligen Schrift.")

Messerer, Wilhelm: Kinder ohne Alter. Putten in der Kunst der Barockzeit (Welt des Glaubens in der Kunst, Bd.1). Regensburg (Friedrich Pustet) 1962. ("Bedeutungen der Putten", "Die Gestalt des Putto", "Zur Geschichte der Putten" seit dem Mittelalter; ausführlicher Bildteil aus Skulptur und Malerei.)

Philipp Otto Runge - Monographie und kritischer Katalog, von Jörg Traeger. München (Prestel) 1975. (Im Gesamtwerk des 1777 geborenen romantischen Malers sind sehr vielfältig Kinderengel und Engelkinder vertreten, auch in Nebenmotiven.)

Runge in seiner Zeit. Hamburger Kunsthalle 21. Oktober 1977 bis 8. Januar 1978, hrsg. von Werner Hofmann (Reihe: Kunst um 1800), München (Prestel) 1977. (Man beachte insbesondere die Kapitel "Der Triumph des Amor's, oder eigentlich der Liebe", "Kunst und Liebe: Die Lehrstunde der Nachtigall", "Das Universum der `Zeiten´", "Die Epiphanie des `Morgen´".)

Rosenberg, Alfons: Engel und Dämonen - Gestaltwandel eines Urbildes, München (Prestel) 1967. (Ausführliche religionsgeschichtliche Darstellung, reichend von der Antike über das Alte und Neue Testament sowie die abendländische Geschichte bis zu den geistigen Strömungen des letzten Jahrhunderts; mit Abbildungen.)

Wilson, Peter Lamborn: Engel. Stuttgart (Kohlhammer) 1981. (Übergreifende religionswissenschaftliche Arbeit mit umfangreichen Bildquellen aus den Religionen der Welt.)

Wülfing, Sulamith: Engelwesen und Naturgeister. Grafing (Aquamarin) 2002. (Exemplarisch für das umfangreiche, von zahlreichen "Elementarwesen" belebte, meditative Werk der 1901 geborenen Künstlerin.)

Mein Dank gilt Professor Dr. Günther Zimmermann für die Übersetzungen des Titels, Medien-Ingenieur Peter Schade-Didschies für die technische Aufarbeitung mehrerer Bilder und Barbara Zschiesche sowie Tobias Imker für Hilfe beim Layout dieses Beitrages. Ebenso danke ich den bei mehreren Bildern angegebenen Museen und Eigentümern für die Erlaubnis zur Wiedergabe.

Abgeschlossen im Januar 2003
© Dieter Hoof, Braunschweig
Die Rechte für die Bilder liegen bei den angegebenen Museen / Eigentümern, sofern diese vermerkt sind

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